Titelthema

Schlafmohn (Papaver somnifera)– Potential und Unheil

Der Schlafmohn ist eine uralte Kulturpflanze aus der Familie der Mohngewächse (Papaveraceae). Artefakte, Wandmalereien aus Assyrien und dem alten Ägypten weisen auf eine bereits frühgeschichtliche Nutzung hin. In Zentralasien dient der Anbau von Schlafmohn der Opium-Gewinnung. Opium und frischer Mohnsaft zählen zu den wichtigsten natürlichen Heilmitteln. Das medizinische Anwendungsspektrum ist breit, die Verwendung ist infolge Nebenwirkungen und schneller Abhängigkeit umstritten. Vieles findet sich in der historischen Literatur aber auch über den weltweit missbräuchlichen Handel und dem Konsum als Rauschmittel in verschiedenen zeitlichen Epochen beschrieben. Bereits um 1534 vor Chr. wurde auf einem Papyrus ein Mohnextrakt für Kinder empfohlen, die beständig schreien. Laudanum (eine Opiumtinktur) wurde weit ins 19. Jhd. als umfassendes Schmerzmittel verwendet.

Der Milchsaft des Schlafmohns enthält verschiedene alkaloide Wirkstoffe. Den größten Anteil belegt das Morphin, welches als erstes extrahiert und schließlich in großen Mengen hergestellt wurde. Die Erfindung der Spritze um 1850 erlaubte neue spezifische Anwendungen. Der reine Wirkstoff ist eines der stärksten Schmerzmittel; desgleichen wurde es zur Narkose, zur Beruhigung der Atemwege in Hustensaft, und, da zur Verstopfung neigend, zusammen mit Kaolin bei Durchfall verschrieben. Bei regelmäßiger Einnahme erfolgt bald eine starke Morphin-Abhängigkeit. Auf der Suche nach einem nicht abhängig machenden, aber wirkungsvollem Opiat wurde 1874 das halbsynthetische Diamorphin entwickelt. Ab 1898 wurde es unter dem Namen Heroin vermarktet. Noch toxischer und infolge seiner euphorisierenden Wirkung noch gefährlicher ist es als illegale Droge weltweit verbreitet. Weitere im Milchsaft enthaltene Wirkstoffe sind Noscapin, Codein, Papaverin und Thebain: Noscapin kann in Hustenmitteln sowie möglicherweise gegen Krebs eingesetzt sein. Codein, ebenfalls süchtig machend, aber weniger potent, wird in der Schmerztherapie bei leichten und mittleren Schmerzen eingesetzt. Neben der Abhängigkeit steigt auch die Dosis, um eine gleiche Wirkung zu erzielen. Papaverin wirkt gefäßerweiternd und krampflösend und ist in der Herzchirurgie bekannt. Thebain war ursprünglich ein Nebenprodukt bei der Herstellung von Opium. Es wirkt nicht betäubend, dient aber heute als Grundlage für halbsynthetische neue Drogen, die sicherer sein sollen als Morphin. In den 1960er Jahren entwickelte der Chemiker Kenneth Bentley durch Ersetzen und

Zusammenführen verschiedener Substituenten am chem. Grundgerüst des Thebain die „Bentley-Komponenten“. Sie entwickelten ein extrem hohes Suchtpotential, waren aber auch bis zu 12.000-fach wirkungsvoller als Morphin. Bestimmte Komponenten werden von Tierärzten zur Sedierung von Elefanten und Nashörnern verwendet.

Jörg Gensicke
Quelle: Killerpflanzen, Kosmos Verlag