Die Tulpe

Unmengen an Tulpenzwiebeln unterschiedlichster Farben und Formen gehen jährlich über die Verkaufstheken; einen Überblick über deren Vielfalt fällt auch einem Gartenfreund schwer. Tulpen gehören zur Pflanzenfamilie der Liliengewächse in der etwa 150 Tulpen-Arten zusammengefasst werden. Sie finden sich als Zierpflanzen in Parks und Gärten und werden auch als Schnittblumen verwendet.     

Die Wildtulpen sind die ersten im neuen Gartenjahr. Die Heimat der so gennannten botanischen oder historischen Tulpen ist Mittel- oder Vorderasien. Im 16. Jahrhundert kam die Gartentulpe nach Mittel- und Westeuropa, wo sich bis gegen dessen Ende Holland zum Zentrum der Tulpen-Zucht entwickelte. Mitverantwortlich dafür sind wohl die ausführlichen Arbeiten des Gelehrten, Arzt und Botanikers Carolus Claudius (1526 – 1609). Einige Pflanzen, z. B. die Damen-Tulpe (Tulipa Clusiana) sind nach ihm benannt. Claudius förderte auch die Verbreitung exotischer Nahrungs- und Zierpflanzen. So verdankt ihm Österreich 1588 die Einführung der Kartoffel und auch der „Kaiserkrone“ (Fritillaria imperialis). Tulpen waren ab Mitte des 16. Jahrhunderts ein begehrtes Liebhaberobjekt. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts begann der kommerzielle Handel mit Tulpenzwiebeln. Die Tulpen-Preise stiegen in den 1630er Jahren exorbitant in die Höhe bis zur so genannten Tulpomanie. Eine Zwiebel wurde für den Wert eines Bürgerhauses in Amsterdam gehandelt. Schließlich brachen die Preise 1637 plötzlich ein, was zum ersten weltweiten Börsencrash führte und viele Spekulanten ihr gesamtes Vermögen verloren. Besonders hohe Preise erzielten Tulpen mit gemusterten Blütenblättern. In der Praxis wurden alle möglichen Zuchtversuche – auch mit Tinte zur Bereicherung der Farbgebung oder verbranntem Taubenmist als Substrat – unternommen, um diese zu vermehren. Doch leider vergebens. Als Ursache der Farbenspiele wurde erst 1924 ein Virus entdeckt, der von Blattläusen übertragen und über infizierte Tochterzwiebeln weitergegeben wird. Dies war denn auch der Grund, warum die schön gefärbten Tulpen besonders anfällig und nicht so ausdauernd wie gesunde Tulpen waren.       

Im folgenden kurzen Überblick zeichnet sich die  Gruppe der frühblühenden einfachen Tulpen meistens durch einen kurzen festen Stiel und einen angenehmen Duft aus. Sie entstanden aus den „Duc van Tol“ – Tulpen. Einer Sorte, die sich auch für die Treiberei eignet. In den Jahren 1900 bis 1920 wurden einfache frühe Tulpen mit den später blühenden Darwin-, Mendel- und Breeder-Tulpen gekreuzt. Dadurch entstanden die wunderbaren Triumph-Tulpen mit ihren schönen Farbkombinationen. Die großen Blüten sind wetterfest und haben kräftige standfeste Stiele. Sie bilden heute die wichtigste Gruppe der gesamten Tulpenvermehrung in Holland, sind unentbehrlich für die Treiberei und wunderbare Gartentulpen. Ihre Blütezeit fängt Anfang April an. Die Darwin-Hybrid-Tulpen sind besonders wetterfest und zugleich die größten und prächtigsten ihrer Art. Diese  Hybriden vereinigen die großen leuchtenden Blüten der Tulipa fosteriana mit ihrem kräftigen Stiel und dem hohen Wuchs der Darwin-Tulpen. Eine wunderbare Tulpe für die Beet- und Gruppenpflanzung. Darwin-Hybriden bilden schnell dicke blühfähige Brutzwiebeln und gehören zu den am meisten in unseren Gärten anzutreffenden Sorten. Die einfachen späten Tulpen entstammen ihren Vorfahren aus holländischen, irischen und englischen Landhausgärten. Peter Barr suchte sich die schönsten Sorten zusammen und gab den daraus entstandenen Kreuzungen den Namen Cottage oder Bauernhaustulpen. Bekannt wurde die auch als Schnittblumen beliebte Gruppe um 1940. Die gefüllten späten Tulpen sind wegen ihrer prächtigen und vollen Blüte bei vielen Gartenliebhabern sehr geschätzt. Ihrer Ähnlichkeit zu Pfingstrosen verdanken sie die Beschreibung „päonienblütige Tulpen“. Es sind lockende Schnittblumen für prachtvolle Frühlingssträuße. Ähnlich den Rosen gibt es auch grüne Viridiflora Tulpen, was sich auf eine grüne Blüte, in dieser Tulpen-Klasse, aber nur auf einen grünen Streifen bezieht. Die Art blüht spät und ist sehr elegant. Lilienblütige Tulpen stechen hervor durch ihre Höhe, bei schlanken Blüten mit spitzen Blütenblättern und sternartigen Aufblühens. Sie werden vor allem im Frühjahr gerne als Schnittblumen verwendet. Die gefransten Crispa-Tulpen umreisen eine kleine Gruppe von Gartentulpen mit sehr fein eingeschnittenen, gefransten Blütenrändern. Sie gehören zu den letzten noch im Mai blühenden Tulpen. Die Gruppe der Papagei-Tulpen klotzten dagegen mit typisch tief eingeschnittener Blütenform und markanten Farben. Hintergrund ihres Äußeren ist eine zufällige Mutation, die bereits früh in der Tulpengeschichte aufgetreten ist. Die begehrten Schnittblumen stehen aufgrund der großen Blüten am besten auf windgeschützten Standorten.        

Unter den Wildtulpen kommen wir zuerst auf die Fosteriana-Tulpen zu sprechen: heimisch in Usbekistan, hochwüchsig und großblütig, erweisen sich die im April blühenden Sorten mit ihrem intensiven Farbenspiel als äußerst langlebig und damit als ideale Zuchteltern vieler Darwin-Hybriden. Als zweite Wildtulpengruppe empfehlen sich die Seerosen- oder Kaufmanniana-Tulpen: ihre offenen Blüten erinnern an Seerosen. Als früh- und blühwillige Wildtulpen-Art mit gestreiftem oder fleckigem Laub ist sie flächig verpflanzt in ihrer Schönheit kaum zu übertreffen. Heimisch sind Kaufmanniana Tulpen ebenfalls in Zentralasien. Wildtulpenarten und ihre Zuchtsorten vermehren sich neben Aussaat und Tochterzwiebeln auch durch Wurzelausläufer (Stolonen).                                     

Jörg Gensicke