Fortsetzung Editorial

 … der Bär“, denn aus den flachen Blüten können sich auch Insekten mit nicht spezialisierten Mundwerkzeugen am Nektar bedienen und die Blüten des als „grüner Betonersatz“ diffamierten Kirschlorbeers bleiben wohl auch nicht unbesucht, wie der reiche, Amseln und andere Weichfresser erfreuende Fruchtansatz zeigt. Dass letzterer wegen seiner Unempfindlichkeit und Blickdichtheit mittlerweile inflationär in Gärten verwendet wird, ist ja nicht seine Schuld, sondern eher ein Problem der zu kleinen Grundstücke und einer dem Verlust des gesellschaftlichen „Zusammengehörigkeitsgefühls“ entsprießenden Abschottungstendenz.   

  1. In Mitteleuropa gibt es bis auf wenige Flächen keine „unberührte Natur“ mehr – ob diese nun Mischwald oder wie in Nordamerika durch Großweidetiere offengehaltenes Grasland wäre, darüber sollen sich die Gelehrten streiten – sondern der Mensch hat die Vegetation massiv verändert, an einigen Standorten wie Mooren, Bach- und Flussauen z.B. durch Trockenlegung zweifelsohne negativ, durch Landwirtschaft aber auch Wiesenpflanzen und Ackerbegleitflora quasi ins Land geholt und sogar mancherorts durch (Über)Nutzung (Holzraubbau) neue Extremstandorte für Spezialisten erst geschaffen wie Heide- und Trockenrasenlandschaften sowie die Almwiesen in den Gebirgen. Dies bedeutet aber auch, dass damit für invasive Pflanzen überhaupt erst Platz geschaffen wurde, denn in einem ungestörten natürlichen System sind alle Nischen derart besetzt, dass Neuzugänge meist „keinen Fuß auf den Boden bekommen“.       
  2. Wir erleben derzeit eine ziemlich schnelle Änderung der klimatischen Verhältnisse, die sich in Mitteleuropa auch durch mildere Winter mit nur geringen oder ganz ausfallenden Frostperioden äußert und somit vielen nicht kälteangepassten Organismen z.B. aus dem Mittelmeerraum die Möglichkeit eröffnet, hier zu überleben. Am deutlichsten fällt das natürlich bei den Tieren auf, so sind der Taubenschwanz-Schwärmer, die Holzbiene und die Waldschabe mittlerweile als „eingebürgert“ zu betrachten. Auch bei den Schnecken ist in den vergangenen Jahren die kleinere Gefleckte Weinbergschnecke mit ihrem hell-/dunkelbraun gestreiften Gehäuse aus Frankreich kommend klammheimlich in unsere Gärten eingezogen. Und ebenso werden wie nach der letzten Eiszeit – dem katastrophalsten Artensterben in Mitteleuropa – ganz natürlich wärmeliebende Pflanzen über die burgundische Pforte oder von Südosten her bei uns einwandern, denn einen unveränderlichen „status quo“ gibt es bei Mutter Natur nicht, auch wenn manche Naturschützer dies partout nicht wahrhaben wollen.       
  3. In den meisten Fällen erfolgte eine „Auswilderung“ durch Absicht (Indisches Springkraut, Robinie) oder Unachtsamkeit des Menschen und nicht durch die natürliche Verbreitungsfähigkeit der betroffenen Pflanzen. Entsorgen von Gartenabfällen bzw. mit Samen oder Rhizomen „verunreinigten“ Erdaushubs in die freie Wildbahn sind die hauptsächlichen Ursachen dafür, dass Gartenpflanzen plötzlich an Waldparkplätzen oder straßennahen Bachufern auftauchen – und sich von dort natürlich weiter ausbreiten, sofern die Bedingungen günstig sind. Es tönt auch hier wieder die alte Leier: Der Mensch verursacht die Probleme und die böse Pflanze wird dafür verantwortlich gemacht… Jeder fachlich versierte Hobbygärtner wird so früh wie möglich die verblühenden Rispen des Schmetterlingsflieders ausschneiden, um sich möglichst schnell an einer Nachblüte erfreuen zu können, und dass man auch die Goldrute nicht zur Samenreife kommen lässt, dürfte ebenso selbstverständlich sein. Daher zielt es in den meisten Fällen an der Wirklichkeit vorbei, wenn ausgerechnet fachlich qualifiziert gepflegte Gärten als „Neophyten-Infektionsquelle“ angesehen werden, denn jeder (Freizeit)Gärtner und jede Gartenfreundin kennt die Stärken und Schwächen ihrer grünen Lieblinge genau. Und zudem könnte man ja auch auf die Expertise der Freizeitgartenbauorganisationen und deren Fachberatung zurückgreifen, aber diese wird ja von Politik und Verwaltungen völlig ignoriert…       

Aufgestört von den Nachrichten aus der Schweiz häufen sich bei uns in letzter Zeit die Anfragen nach der Sicht des Landesverbandes zu den „verbotenen Pflanzen“. Für uns sind Gärten ein wichtiger Teil menschlicher Kulturleistung und -geschichte einschließlich der häufig auch vom Zeitgeist geprägten Pflanzenverwendung. In Kleingartenanlagen entscheidend ist für uns die Einhaltung der kleingärtnerischen Nutzung – und diese beinhaltet zwingend, dass von einer Parzelle keine „bewirtschaftungserschwerenden“ Auswirkungen auf die Nachbarparzellen ausgehen. Darin ist auch das Anpflanzverbot von größerwüchsigen Gehölzen begründet und ebenso die Vorbehalte gegen geschlossene „grenzsichernde“ (Formschnitt)Hecken. Und da eine „grüne Vielfalt“ Grundvoraussetzung für eine hohe Biodiversität auch bei den tierischen Gartenmitbewohnern ist (Nützlinge!), wird kein unserem Motto „Umweltbewusst Gärtnern“ gemäß seinen Garten anlegender und pflegender „Gartenmensch“ seinem Nachbarn 15 m Kirschlorbeer- oder gar Thuja-Hecke vor die Nase pflanzen. Wenn die Pächter einer Kleingartenanlage mehrheitlich dafür sind, dass gewisse Pflanzen in ihrer Anlage nicht „gern gesehen“ sind, können sie ein Pflanzverbot per demokratischer satzungsgemäßer Abstimmung in die Gartenordnung aufnehmen – der Landesverband sieht seine Aufgabe darin, für alle seine Mitglieder möglichst gute Rahmenbedingungen für ihr Hobby zu schaffen, denn dafür wurde er vor 78 Jahren gegründet.                    

 Harald Schäfer, Landesfachberatung