Gartenfreunde Spaichingen e.V

Hortulus? HortuLust! Die Gartenfreunde Spaichingen auf den Spuren von Walahfrid Strabos

Der Jahresausflug der Gartenfreunde Spaichingen führte auf die Klosterinsel Reichenau, mitten hinein in die Ursprünge der mitteleuropäischen Gartenkultur. Bei bestem Wetter, mit Frühstückskorb und guter Laune starteten Gartenbegeisterte zu einer Zeitreise, die bis ins frühe Mittelalter führte, in die Welt der Klostergärten, der Heilkräuter und der botanischen Poesie.    


Die Wiege des Gartenwissens liegt im Kloster

Schon Benedikt von Nursia (ca. 480 – 547), Begründer des abendländischen Mönchstums, forderte in seiner Klosterregel einen Garten als festen Bestandteil jedes Klosters: „hortum, vel artes diversas intra monasterium exerceantur“ – also: Gärtnern gehört zum klösterlichen Leben. Und so wurden die Klöster zu Zentren von Heilkunst, Landwirtschaft und Wissensvermittlung.    

Von den mittelalterlichen Klostergärten ist kein einziger erhalten, doch drei bedeutende Quellen geben uns Einblick in ihre Gestaltung und Bepflanzung: der St. Galler Klosterplan (um 825), das Capitulare de Villis Karls des Großen (um 812) und das Gedicht „De cultura hortorum“, besser bekannt als „Hortulus“, von Walahfrid Strabo, Abt der Reichenau im 9. Jahrhundert.


Der Hortulus – ein poetischer Kräutergarten

Strabo beschreibt in seinem Werk nicht nur 24 Heil- und Würzpflanzen. Er erzählt von deren Duft, Nutzen, Symbolik und Heilkraft, basierend auf seinen eigenen gärtnerischen Erfahrungen. Jede Pflanze erhält ihre eigene poetische Würdigung, manchmal medizinisch, manchmal mystisch, oft auch ganz pragmatisch:   

  • Wermut vertreibt Fieber und Kopfschmerzen und soll sogar den Geist klären.
  • Papaver, der Schlafmohn, hilft beim Einschlafen und lindert Brustleiden.
  • Muskatellersalbei (sclarega), kaum bekannt, aber voller Würze, taucht als „Heilgabe im Wasserdampf“ auf.
  • Odermennig (agrimonia) heilt Magenleiden und Wunden, „wenn mit Essig getränkt und zerrieben“.

Diese Heilkräuter dienten der Pflege von Körper und Seele und waren Ausdruck eines tiefen Naturverständnisses. Auch der neu angelegte Klostergarten auf der Reichenau, den wir im Rahmen einer Führung besichtigen durften, wurde anhand von Strabos Beschreibungen neu rekonstruiert. Dabei wurden ergänzend auch Pflanzen eingesetzt, deren Deutung durch die Forschung nicht eindeutig geklärt ist. So wächst dort heute z. B. Ambrosia sowohl als Schafgarbe als auch als Rainfarn.     


Zwischen Pergament und Beet: mittelalterliche Gartenkunst.

Während der Führung erhielten wir spannende Einblicke in die botanischen Wissensschätze des Mittelalters. Neben dem „Hortulus“ ergänzen der St. Galler Klosterplan, mit seinen vier dargestellten Klostergärten (Gemüse-, Obst-, Heil- und Kreuzganggarten) und das Capitulare de Villis, eine Verordnung über königliche Landgüter, das Pflanzenspektrum dieser Zeit. Lauch, Rettiche, Möhren, Zwiebeln, Salbei, Fenchel, Minze …vieles davon findet sich heute noch in unseren Gärten. Der große Unterschied zu früher ist, die Pflanzen waren damals immer auch Heilerinnen, Begleiterinnen des Lebens und Zeichen göttlicher Ordnung.      


Gartenfreude damals wie heute

Nach der Führung durch den Hortulus ging es mit dem Schiff weiter nach Konstanz, wo Zeit für individuelle Erkundung, Genuss und Gespräche blieb. Der Tag endete bei einem gemütlichen Abendessen und einem kleinen Gruß aus der Heimat. So wurde eine Samenmischung aus dem Bienenfutterautomaten des Spaichinger Angergartens jedem Teilnehmenden mitgegeben – eine Verbindung von mittelalterlicher Inspiration und moderner Gartenfreude.        


Was bleibt?

Der diesjährige Ausflug war mehr als ein Tapetenwechsel. Er war eine Reise zu den Wurzeln unseres Gärtnerns. Walahfrid Strabo hätte sich sicher über die Gartenfreunde gefreut, denn auch wir wissen: Ein Garten ist mehr als ein Ort. Er ist eine Lebenshaltung.     


Sandra Apholz