SCHADORGANISMEN-KOMPLEX DES MONATS JANUAR 2026

Schilf-Glasflügelzikaden; Bakterien-Arten ‘Candidatus Arsenophonus phytopathogenicus‘ und ‘Candidatus Phytoplasma solani‘

Die Bakterielle Kartoffelknollenwelke wird durch das Zusammenspiel der von Schilf-Glasflügelzikaden übertragenen bakteriellen Erreger ‘Candidatus Arsenophonus hytopathogenicus‘ und ‘Candidatus Phytoplasma solani‘ ausgelöst: Letzterer gehört zu den Stolbur-Phytoplasmen und zeigt sich in mehreren aktiven Stämmen. Das Arsenophonus-Bakterium kann vom Überträgerinsekt direkt an die Nachkommen weitergegeben werden. Anders ist dies beim Stolbur-Phytoplasma. Hier müssen sich Nymphen (Zikaden-Jungtiere) oder Adulte (erwachsene Zikaden) erst an infizierten Pflanzen mit dem Erreger beladen, bevor sie gesunde Pflanzen infizieren können. Die Symptome der Kartoffelknollenwelke sind vielfältig, sortenspezifisch und oft nicht eindeutig. Typisch sind Welkeerscheinungen und Stressreaktionen wie Gelb- oder Rotverfärbungen der Blätter, die Bildung von Luftknollen oder eine verstärkte Geiztriebbildung. Häufig tritt eine beeinträchtigte Knollenentwicklung (viele kleine und weiche Knollen) auf. Besonders in trockenen Jahren kann dies sichtbar werden. Auch erhöhte Zuckergehalte sind im Erntegut festzustellen. Bei Speisekartoffeln kann dies Konsistenz und Geschmack negativ beeinflussen, was sehr problematisch bei Verarbeitungskartoffeln für die Fritten- und Chips-Herstellung ist. Weiterhin reifen infizierte Stauden nicht vollständig ab. Infizierte Knollen sind infolge verminderter Keimfähigkeit bzw. Fadenkeimigkeit nicht für den Nachbau geeignet. Wird bei der Zertifizierung von Knollenpflanzgut Stolbur-Phytoplasma nachgewiesen, darf die Partie nicht in den Verkehr gebracht werden. Übertragen werden die Krankheitserreger von Zikaden, insbesondere der Schilf-Glasflügelzikade, der Winden-Glasflügelzikade, evtl. auch der Pfriemen-Glasflügelzikade. Ursprünglich wurde die Schilf-Glasflügelzikade an Schilf beobachtet. Möglicherweise erfolgte nach Kontakt mit den Krankheitserregern ein „evolutionärer Sprung“, der erst die Zuckerrübe und seit 2022 auch die Kartoffel zu einer geeigneten Nahrungs- und Vermehrungspflanze machte. Die Winden-Glasflügelzikade ist Kartoffelanbauenden durch die Problematik „Stolbur“ gut bekannt. Der Unterschied besteht darin, dass diese die Kulturpflanze nur als Nahrungspflanze verwendet und ihre Eier an Unkräutern, wie Winden, ablegt, was einen anderen Verlauf der Stolbur-Krankheit zur Folge hat. Die Schilf-Glasflügelzikaden fliegen ab Mai in die Kartoffeln ein. Zur Nahrungsaufnahme stechen sie das Phloem der Pflanzen an. Beim Saugvorgang kommt es zur Übertragung der Erreger in die Pflanzen oder umgekehrt. Nach der Paarung legen die weiblichen Zikaden die Eier nesterweise in den Boden in der Nähe der Kartoffelpflanzen. Die Nester sind von Wachsfäden umhüllt und gut geschützt. Aus den Eiern schlüpfen die Jugendstadien der Zikaden: Nymphen. Diese saugen über mehrere Monate an den unterirdischen Pflanzenteilen und können so Krankheitserreger aufnehmen und abgeben. Nach der Ernte der Kartoffel bleiben die Nymphen im Boden und entwickeln sich erst im nächsten Frühjahr zum adulten Tier. Die Nymphen sind über Winter mobil und wandern in tiefere Bodenschichten. Die Entwicklungszeit vom ersten Stadium bis zur adulten Zikade dauert unter Laborbedingungen knapp 200 Tage. Unter günstigen Bedingungen kann sich eine zweite Generation entwickeln. Der Flug der Zikaden wird von Fachleuten ab Mitte Mai mittels transparenter Klebetafeln überwacht. Die Flugzeit endet im August. Nach Stand Frühjahr 2025 kann die Schilf-Glasflügelzikade in ganz Deutschland gefunden werden. Im Süden und Südwesten gibt es „Hot-Spot Regionen“ mit hohen Individuenzahlen. In „Übergangsregionen“ mit geringen Vorkommen finden sich auch Individuen ohne Erregerbeladung. Neben Zuckerrübe und Kartoffel finden sich Erreger, Schäden und Nymphen in Rote Bete, Karotte, Mangold und einigen Unkräutern; Infektionen bzw. Schäden ohne Nymphenfunde wurden in Zwiebel, Physalis, Paprika, Erdbeere und Sellerie erkannt; Nahrungspflanzen ohne Schadsymptome sind Weizen, Gerste, Ramtillkraut sowie bestimmte Unkräuter; Pflanzen mit geringer Nymphenüberlebensrate sind Ölrettich, Senfsorten und Sojabohnen. Pflanzenschutzstrategien für den Haus- und Kleingarten beginnen mit Gemüseschutznetzen; liegen in der Kartoffel-Sortenwahl – falls solche bekannt sind; in der Verwendung von Frühkartoffeln, in der Nutzung von zertifiziertem Pflanzgut; der frühestmöglichen Kartoffelernte; nach der Ernte in einer mehrmaligen Bodenbearbeitung und nachfolgender Gründüngung mit „Feindpflanzen“; oder Gemüsemais als Nachkultur. Allgemein gilt: Gesunde Pflanzen, insofern eine gut ausgewogene Nährstoffversorgung Pflanzen robuster gegenüber Krankheitserregern macht.

Jörg Gensicke

Quelle: Flyer der Union der Deutschen Kartoffelwirtschaft e. V. (UNIKA), Schumannstraße 5, 10117 Berlin; info@unika-ev.de; www.unika-ev.de