Es sind durchaus nicht die prächtigsten Pflanzen – Rittersporn, Phlox, Rosen oder Dahlien – deren Fortkommen großes Einfühlungsvermögen voraussetzt. Viel eher gilt das für die Stillen im Lande, die sich allen Zivilisierungsversuchen zum Trotz Ursprünglichkeit und Eigenständigkeit bewahrten, um die man sich deswegen ernsthaft bemühen muss. Als Ergebnis davon wachsen sie ähnlich Waldmeister wie „von selbst“.
Wenn eine Pflanze, eine wilde dazu, in so großer Menge irgendwo wächst wie Waldmeister, meint man leicht: Na ja, sie ist halt mit wenig zufrieden. Mitunter mag das zutreffen, im Fall von Waldmeister bestimmt nicht. Waldmeister ist auf seine Weise höchst wähle-risch und hält sich deswegen gern in der Nähe von Buchen auf. Diese Bäume gönnen ihm so viel Licht, wie er braucht, und garantieren jenen lockeren, humosen Boden, der gutes Gedeihen fördert, zumal es an solchen Plätzen nicht an Feuchtigkeit mangelt. Wo immer Waldmeister in den gemäßigten Zonen Europas frei wächst, in den Wäldern der Ebenen bis zu den Vorbergen der Alpen – stets zeigt sein Vorhandensein besten Boden an und die Nachbarschaft anspruchsvoller Pflanzen. Kein Wunder also, dass man sich im Garten zunächst um Waldmeister kümmern muss, ehe er frohwüchsig und langlebig in flüchtigem Schatten von allerlei Gehölzen neben Lungen-kraut, Efeu, Immergrün, Buschwindröschen und ähnlichen Stauden des Laubwaldschattens den Boden dauerhaft begrünt. Sobald das der Fall ist, dürfen Gärtnerinnen und Gärtner zu-frieden sein mit ihren Bemühungen. Die flachstreifenden Wurzeln des Waldmeisters breiten sich schnell nach allen Richtungen aus. Sie liegen so dicht unter der Erdoberfläche, dass man mitunter nicht weiß, wo Triebe aufhören und Wurzeln anfangen. Kreuz und quer gehen sie und halten die Pflanze jung. Waldmeister stirbt nie – wenn´s ihm gut geht. Am Ende der etwa 15 cm hohen Triebe mit den quirlständig angeordneten schmalen Blättchen entwickeln sich je nach Witterung ab Ende April die weißen Blüten. Unter lichtem Gesträuch, am Fuß von Hecken und Ähnlichem ist Waldmeister gut untergebracht. Das Aroma der Blätter wird von Kumarin hervorgerufen, von dem die Pflanze kurz vor der Blüte so viel entwickelt, dass der Duft bereits wahrgenommen wird, wenn man ein Blatt nur wenig reibt. Darum sammelt man Triebe für die beliebte Maibowle in diesem Stadium. Selbst die Blütenknospen, winzige, runde Gebilde, sollen noch nicht zu sehen sein. Das Kumarin kam vor etlichen Jahren wegen möglicher gesundheitlicher Gefährdung in Verruf, mit ihm die Waldmeisterbowle. Inzwischen sieht man das lockerer, empfiehlt jedoch, dass man je Liter Bowle nicht mehr als 3,5 g frisches Kraut verwenden sollte.
Ilse Jaehner